Wenn Kinder den Traum ihrer Eltern leben sollen

Elterntraeume

Illustration: Claudia Löffelmann

Heute hat Emil zum Samstags-Nachmittagstreff seinen Studienfreund Anton mit zu Oma Berta gebracht. „Meine Oma ist cool. Es lohnt sich immer, mit ihr zu reden.“, hat Emil seinen Freund vorher ermutigt.

Das Studium abbrechen

„Na, Jungs? Ihr kommt doch nicht nur, um einer alten Frau beim Kaffee schlürfen zuzuschauen. Es zwickt doch irgendwo. Wo denn?“ Berta ist eine Menschenkennerin. Ihr macht keiner was vor. „Der Anton möchte sein Studium hin schmeißen, Oma.“ Fragend schaut Berta zum Freund ihres Enkels. „Aha. Das machen viele. Wieso ist das ein Problem für Dich?“ Berta lehnt sich zurück und wartet ab, was da kommt. Stockend beginnt Anton. „Ich studiere BWL, weil meine Eltern das erwarten. Ich soll ins Familienunternehmen einsteigen. Den Stoff bekomme ich schon hin, hab bisher auch alle Scheine geschafft. Aber mir macht weder das Studium Spaß noch will ich ein Unternehmen mit 800 Leuten erben. Je mehr ich ins Thema einsteige, desto mehr widerstrebt mir alles.“

Wenn nicht das Eine, was stattdessen?

„Und warum hörst Du nicht auf?“ Oma Berta fragt das, als wäre es das normalste von der Welt. Anton holt tief Luft. „Ganz ehrlich? Ich habe Angst vor der Enttäuschung, die ich meinen Eltern bereite. Sie werden es nicht verstehen. Im Gegenteil, es wird Ärger geben. Als ich begann zu studieren, war ich ja selbst noch überzeugt, dass BWL und Firmennachfolge der richtige Weg ist. Und sie planen fest mit mir. “
Oma Berta schiebt Anton noch ein Stück Apfelstrudel auf den Teller. „Dass man sich auf dem falschen Weg befindet, merkt man manchmal erst, wenn man ihn beginnt zu gehen. Wichtig ist nur, zu handeln sobald man es merkt.“ Oma Berta lächelt den Freund ihres Enkels an. „Hast Du schon eine Idee, was stattdessen?“ will sie wissen. „Offen gestanden ja.“ Anton wird rot, als wäre ihm seine Idee peinlich. „Dokumentarfilmer. Spezialisiert auf Alpinsport und Alpinismus.“, sagt er verschüchtert.

Eigene Entscheidungen kann man ändern

Emil wirft ein: „Der Anton hat schon ein paar kleine Beiträge fürs Bayerische Fernsehen gemacht. Der hat richtig Talent! Außerdem ist er ein verdammt guter Kletterer – so kommen die phantastischen Aufnahmen zustande. Aus Perspektiven… Oma, das musst Du sehen!“ Emils Begeisterung ist  ansteckend. „Ja, ich möchte gern noch auf die Hochschule für Film und Fernsehen um mir fehlendes Wissen für Dokumentarfilmer anzueignen. Aber meine Eltern werden mir den Geldhahn zudrehen, wenn sie erfahren, dass ich BWL hinschmeißen will. Im Grunde ist alles ziemlich aussichtslos. Es wird immer ein Traum bleiben.“ Anton lehnt sich resigniert zurück.

Es gibt immer mehrere Wege

„So!“ Oma Berta haut mit der Faust auf die Sessellehne. „Selbst wenn Deine Eltern erst mal verschnupft sind – je eher sie wissen, dass Du nicht der Firmennachfolger wirst, desto rascher können sie selbst für sich umdenken. Also rede mit ihnen! Es ist nicht nur besser für Dich sondern auch für sie. Und selbst wenn sie erst einmal ärgerlich sind, findet sich ein Weg. Also unter der Brücke schlafen musst Du deshalb nicht.“ Zu Emil gewandt spricht sie weiter „Da ist doch Opas Arbeitszimmer. Ich nutze das so gut wie nie. Es braucht etwas Farbe und ein paar kräftige Arme. Also wenn es wirklich zum Äußersten kommt, Deine Eltern vor lauter Enttäuschung erst mal den Geldhahn zudrehen und es o.k. ist, mit mir alten Schachtel zusammen zu wohnen, bin ich bereit für eine WG…“ Grinsend schaut sie die beiden Jungs an. „Ich werde keine Miete zahlen können. Mein Studentenjob kann nur die Studiengebühr decken…“ entgegnet Anton. Auch dafür hat Berta eine Idee parat: „Du kannst mir dafür bei meinen Einkäufen helfen. Und ein paar Dinge im Garten erledigen. Zugegeben, alpin ist der nicht. Aber bei den Hügeln würde ich ihn wenigstens als Voralpenland bezeichnen…“

Der Nachmittag endet fröhlich. Angeregt reden sie über Antons erste erfolgreiche Filmprojekte, die schon im Fernsehen liefen, über Höhenangst, Murmeltiere und Karabinerhaken.
Morgen wird Anton zu seinen Eltern fahren und mit ihnen sprechen. Nach dem Nachmittag mit Emils Oma erscheint ihm dieses Gespräch nicht mehr so unüberwindbar wie vorher. Vielleicht geht es ja gut aus. Und wenn erst einmal nicht, hat er Oma Bertas Plan B. Neben dem Bammel vor diesem Gespräch macht sich in ihm Vorfreude breit. Aufs Dokumentarfilmen, auf Projekte draußen in den Bergen, auf Herausforderungen, die Spaß machen.

Alles Gute für Ihre neuen Wege!

Ihre Petra Carlile