Schwester Katjas Begegnung mit dem Tod

Umgang mit dem Tod - das Wichtigste Leben rückt in den Vordergrund

Ein Kooperationsarzt – ein niedergelassener Anästhesist im gleichen Ärztehaus – brauchte kurzfristig Unterstützung in seiner Praxis. Katja hat dort ein halbes Jahr ausgeholfen und ist nun wieder zurück in „ihrer“ Orthopädie. Nach Praxisschluss geht sie mit ihren Kolleginnen gemeinsam essen und berichtet von ihren Erfahrungen.

Anästhesie heißt nicht nur, Patienten „abzuschießen“

„Und?“ fragt Waltraud, „wart Ihr viel bei Kiefernorthopäden und habt Patienten für Weisheitszahn-OPs abgeschossen? Bestimmt biste froh, dass Du wieder Beine und Arme begipsen kannst…“ Katja holt tief Luft und beginnt zu erzählen:
„War Euch klar, dass Dr. Sänftig auch im Bereich Palliativmedizin tätig ist? Wir waren viel auf Hausbesuchen bei Patienten denen es nur noch um Schmerzlinderung geht und die nicht mehr lange zu leben haben.“
„Nee!“ sagt Elsbeth, „das wäre nichts für mich. Jeden Tag nur mit dem Tod konfrontiert sein. Hoffe, ihr seid da immer nur schnell rein und habt die Medikamente verabreicht und seid wieder raus? Das muss furchtbar gewesen sein. Herr Ober? Einen doppelten Schnaps für Katja!“

Katja winkt ab. „Lass mal, Ellie, mir geht es gut. Zugegeben – anfänglich hatte ich Probleme und die ersten Nächte konnte ich nicht schlafen. Wer lässt schon gern den Tod in sein Leben und in seine Gedanken? Ich wusste nicht, wie ich täglich damit umgehen sollte, wie ich den Patienten begegnen sollten, bei denen der Tod schon vor der Tür steht.“

Ist der Tod präsent, konzentrieren wir uns endlich auf die wichtigen Dinge im Leben

„Haltet mich für verrückt – aber am dritten Tag hatte ich das Gefühl, neben einem der Patienten steht der Tod in Gestalt eines netten, liebreizenden Männleins. Der schaut mich an und sagt zu mir: ‚Katja, hör auf mich zu ignorieren. Ich gehöre zum Leben dazu. Und hör auf, den Patienten zu ignorieren. NOCH lebt Herr Meier!‘
Ich muss so perplex ausgeschaut haben, das der Patient mich angesprochen hat und meinte: ‚Hören Sie mal, ich bin heute extra aufgestanden, weil Sie kommen. Bin in meine gute Sonntagshose geschlüpft – das war anstrengend genug. Und habs geschafft mich zu rasieren. Ich dachte, so einem feschen Kerl wie mir können Sie bestimmt nicht widerstehen! Und jetzt schauen sie mich an als wäre ich Rumpelstilzchen.‘ sagt er und zwinkert mir dabei zu wie ein junger Casanova.

Fortan habe ich jedes Mal, wenn wir zu Herrn Meier gefahren sind, ihm schon unten im Hausflur was Lustiges zugerufen. Wir haben uns unterhalten, viel gelacht und er hat mich gefragt, ob ich noch mehr komische Grimassen drauf habe wie an dem Tag, als er mich kennen gelernt hat. Eines Tages aber war Herr Meier nicht mehr da. Und ich konnte das nicht fassen. Total wütend habe ich abends meine Laufschuhe angezogen. Und während ich runter zum See lief, habe ich den Tod beschimpft. Was ihm einfällt, so einen netten Menschen aus dem Leben zu holen. Wo er so viel Spaß am Leben zu haben schien und mir selbst gerade sehr viel Freude und gute Laune brachte. Unten am See war ich völlig außer Puste. Plötzlich sah ich Herrn Meier vor mir. Er zwinkerte mir wieder zu und meinte: ‚Mädel, es geht mir gut. Danke für Deine Grimassen und unsere Gespräche.‘

Kleine Freuden wie Weihnachtsgeschenke verpacken und überreichen

Meine Wut war verpufft. Mir wurde klar, dass ich Dr. Sänftigs Patienten am besten begegne, in dem ich ihnen kleine Freuden bereite. Eine Dame war immer total entzückt, wenn ich ihr eine einzelne Blume mitbrachte. Dr. Sänftig hatte für einen jungen Mann stets das neueste Automagazin dabei und die beiden haben über Motoren und PS gefachsimpelt. Bei einer älteren Dame habe ich jedes Mal für uns alle eine Kanne Tee gekocht und wir durften erst wieder fahren, wenn die ausgetrunken war. So lange haben wir uns ausgetauscht und richtig gehend geratscht. Ein Patient wollte mit mir offen über den Tod und das Sterben sprechen. Ich war ehrlich und erzählte ihm von meinen anfänglichen Problemen. Und meiner Begegnung mit dem Tod bei Herrn Meier. Und geendet hat unsere Unterhaltung damit, dass wir dem Tod ein Gesicht gegeben haben. Graues, kurzes Haar und einen gepflegten Bart, zu zwei Zöpfchen geflochten. Ebenso trug unser Herr Tod coole Klamotten. Verwaschene Jeans und ein Shirt mit einem flotten Spruch drauf. ‚Bin überarbeitet – wer gibt mir Urlaub?‘ oder ‚Wegen Warenannahme vorübergehend geschlossen.‘ Dieser Patienten hat so dermaßen gelacht! Und das bei DIESEM Thema…
Waren wir bei unseren Patienten, hatten sie für diese Momente unsere ungeteilte Aufmerksamkeit. Ich habe mich darauf jeden Tag eingestellt, als würde ich kleine Freuden in Weihnachtsgeschenke verpacken.“

Jeder lässt auf seine Weise los

„Ich hatte kurzfristig viele persönliche Beziehungen geknüpft zu Menschen, die ich vorher nicht kannte. Und die bald wieder aus meinem Leben gegangen sind. Dadurch bin ich im letzten halben Jahr fast täglich gelaufen. Das habe ich gebraucht und es hat mir geholfen. Manchmal habe ich dabei mit dem Tod gesprochen. Manchmal mit den verstorbenen Patienten. Gedanklich konnte ich sie damit verabschieden für ihren neuen Weg, den sie gegangen sind. Mein Leben hat sich verändert seitdem. Vieles nehme ich nicht mehr so wichtig – wie z.B. Shopping und Schnäppchenjagt für den neuesten Fummel. Ich nehme mir viel mehr Zeit für mich und für meine Familie. Wir unternehmen viel, lachen viel und reden auch mehr über ernste Dinge, die für uns vorher ein Tabu-Thema waren.“

Katjas Kolleginnen hängen ihren Gedanken nach. Elsbeth bringt es nach minutenlanger Stille auf den Punkt: „Mensch Katja, da hast Du uns ja jetzt ein Thema serviert. Und ich glaube, auch wir sollten uns damit auseinander setzen. Sowohl fürs Privatleben als auch für unseren Berufsalltag. Ach, und hör mal, wenn ich mich das nächste Mal bei Kleinigkeiten aufrege, z.B. weil jemand die Rezeptblöcke falsch rum ins Fach legt, dann zwinkere mir doch einfach zu, wie Dein Herr Meier! Ich glaube, das erdet mich dann wieder.“

Haben Sie viel Freude bei den wirklich wichtigen Dingen in Ihrem Leben!

Ihre Petra Carlile