Lebensfreude im Pflegeheim – Umsetzung wird Standard

Lebensfreude e.V.

Illustration: Claudia Löffelmann

Leben ins Pflegeheim zurück bringen soll keine Eintagsfliege bleiben. Oma Berta, Emil und die gesamte Crew machen Nägel mit Köpfen, damit „…det och so bleibt…“, wie Ede, der Gitarrenmann und Heimbewohner treffend formuliert hat.

Verein Lebensfreude e.V.

Alle Gründungsmodalitäten sind erledigt. Emil und Laura haben den Vereinsvorsitz des Vereins Lebensfreude e.V. übernommen. Für nicht abreißende Lebensfreude haben die Mitglieder schon während der Gründungsversammlung die nächsten Schritte bestimmt und mögliche Kontakte integriert.

Verantwortung verteilt auf mehrere Schultern

Die Musikhochschule hat sich verpflichtet, regelmäßig im Pflegeheim zu sein. Unter anderem hat sich tatsächlich eine Band gegründet, bei der auch Ede, der Gitarrenmann seinen Part übernehmen kann und Hete, wann immer es ihr gut geht, am Klavier dabei ist. Es haben sich noch mehr Heimbewohner gefunden, die sich an leicht erlernbare Musikinstrumente gewagt haben. Schon vor der Adventszeit wird viel gesungen.
Der Uni-Fachbereich Germanistik und Literaturgeschichte ist fest dabei mit wöchentlichen Vorleseabenden. Hier wechseln sich alle Studenten ab, so dass jeder mal im Pflegeheim vor Ort ist. Niemand empfindet es als Verpflichtung. Es wird auch für die jungen Menschen immer ein Zugewinn, sich mit den Damen und Herren aus dem Pflegeheim auszutauschen.
Die Stadtbibliothek schickt ihren Bücherbus regelmäßig vorbei. Es gibt jetzt viel mehr Bücherauswahl als es die begrenzte Heimbibliothek je schaffen kann.

Patenschaften entstehen

Familien und Freunde der Vereinsmitglieder sind angesteckt davon, Lebensfreude zu bringen. So gehen Eltern von Studenten am Wochenende im Pflegeheim vorbei. Sie sind einfach da, wenn jemand Redebedarf hat oder spazieren gehen möchte. Es bleiben auch jene nicht einsam, die keinen oder nur seltenen Besuch von ihren Verwandten bekommen. Übungsleiter des ortsansässigen Sportclubs treiben mit den Heimbewohnern regelmäßig leichte Gymnastik.

Patenschaft auch in die andere Richtung

Kinder des Schulhorts sind ebenso zu Besuch und tragen ein kleines, einstudiertes Programm vor. Beim anschließenden gemeinsamen Kaffeetrinken klagt die Lehrerin, dass sie gerade Kollegen suchen, die Handarbeiten und Werken zeigen können. Ebenso bleibt das gemeinsame Musizieren sehr auf der Strecke weil es für die vielen Schüler viel zu wenig Pädagogen gibt. Alma, eine Heimbewohnerin, schaut von ihrem Strickzeug auf. Immer wenn man Alma begegnet, strickt sie. Vor dem Fernseher, beim Singen mit den anderen, nach dem Frühstück, Mittag, Abendessen. „Naja, wenn jemand Lust hat, kann ich zumindest zeigen, wie man strickt und nach ein paar Wochen haben wir alle bestimmt unseren ersten Schal zustande gebracht.“ Während sich ein Teil der Kinder schon um Alma drängt und ihr bei der weiteren Stricknadelakrobatik über die Schulter schaut, haben sich andere um Ede versammelt, der etwas auf seiner alten Gitarre klampft. Und schon summen und wippen ein paar Kinder im Takt. „Der ist ja cool. So wie er will ich auch mal Gitarre spielen können“, sagt eines der Mädels, das staunend Edes Klängen lauscht.

Und so entsteht der wöchentliche Hort-Nachmittag, an dem die Kinder der 4. Klasse nach der Schule im Alten- und Pflegeheim zu Besuch sind. Wer Lust hat, strickt mit Alma, andere haben sich mit Ede und Hete in eine Ecke zurückgezogen und üben gemeinsam die Stücke, die sie für die Schule lernen möchten. Wieder andere haben sich Werkzeuge ihrer Väter geborgt und sind mit Erwin Schulze dabei, kleine Holzwerkstücke zu fertigen.

Bertas Stolz

Wenn Berta ihre Freundin Klara im Pflegeheim besucht, trifft sie diese selten allein im Sessel sitzend an. Entweder ist gerade Gymnastikstunde – dann schließt sich Berta an – oder sie treffen sich im Theater, wenn Heimbewohner zum Symphoniekonzert abgeholt werden oder es ist gerade Bücherrunde mit den Literaturstudenten.

Heute sitzen die beiden Freundinnen tatsächlich in Ruhe zusammen bei einer Tasse Tee und lassen das, was im letzten Jahr geschehen ist, Revue passieren. „Weißt Du Berta, Dank Dir und Deinem Enkel und all den jungen Menschen habe ich das Gefühl, wirklich noch zu leben.“ Zufrieden und auch stolz stellt Berta ihre Kaffeetasse zurück. „Ja, so finde ich alt sein in Ordnung. Trotz Pflegeheim nicht einsam sondern mitten unter lieben Menschen.“

Alles Gute, Ihre Petra Carlile