Eine Arztpraxis ist wie ein Unternehmen – Interview mit Dr. Harald Heilhuber

Balanceakt zwischen Arztsein und Unternehmertum

Am Abend nach seinem negativen Erlebnis in der orthopädischen Praxis ist Arne bei Freunden zum Essen eingeladen. Es sind noch weitere Gäste anwesend. So auch Dr. Harald Heilhuber, Internist und niedergelassener Arzt. Arne ergreift die Gelegenheit und wettert über die Arroganz der Ärzte als Götter in Weiß. Harald Heilhuber lässt sich nicht beirren von der Verbalattacke und versucht, diese in ein normales Gespräch zu wandeln.

Eine Praxis übernehmen bedeutet, sich zu verschulden

„Eine Arztpraxis muss wie ein Unternehmen funktionieren. Sonst kann sie dicht machen.“ Arne runzelt ungläubig die Stirn. „Schau,“ sagt Harald. „Ich habe zunächst investiert. Von einem Kollegen habe ich die Praxis übernommen. Ich habe sein Inventar gekauft und musste einiges davon ersetzen durch moderne Diagnose-Geräte. Das alles hat hunderttausende gekostet. Die ich nicht aus eigener Tasche bezahlt habe. Meine Praxis gehört zum großen Teil der Bank.“ Arne entgegnet: „Ja, ja, gut und schön. Aber mit den Gerätschaften arbeitest Du ja. Erbringst Leistungen. Und dafür wirst Du schließlich von den Krankenkassen bezahlt.“

Als Arztpraxis Kosten deckend arbeiten?

Stimmt. Ich erhalte Geld von den Krankenkassen. Du vermutest, deren Bezahlung deckt meine Kosten?“ Arne entgegnet: „ Ja logo, was denn sonst?“. „Ich werde nicht rein nach Leistung bezahlt. Seit einigen Jahren hat eine Arztpraxis ein fixes Budget pro Quartal zur Verfügung. Dieses Budget reicht nicht. Ich habe es meist schon nach 6-7 Wochen ausgeschöpft. Eben weil ich niemanden ablehne. Pro Tag habe ich durchschnittlich 80 Patienten. An manchen Tagen komme ich auf 100. Weil ich der einzige Internist im Umkreis von 50 km bin. Von diesem Budget – meinem Honorar – muss ich die Miete meiner Praxis zahlen, Bankkredite bedienen, mein wertvolles und kompetentes Personal bezahlen, Verbrauchsmaterialen zahlen, Wartungskosten für die Geräte leisten u.v.m.“ Arne überlegt. „Das heißt, Du arbeitest nicht kostendeckend?“ „Nicht mit dem Honorar der gesetzlichen Krankenversicherungen. Damit ich auch ab der 8. Woche des Quartals wichtige Sonographie-Untersuchungen machen kann, die ich quasi aus eigener Tasche zahlen würde, brauche ich eine weitere Einnahmequelle. Ja, ich gebe zu, ohne einen gewissen Anteil privat versicherter Patienten kann meiner Meinung nach eine Praxis heute nicht existieren. Außerdem habe ich eine Zusatzausbildung, die mir hilft, meine Kosten durch Einnahmen für alternative Heilverfahren halbwegs zu decken.“

Für Arne ist Harald nicht mehr ein arroganter Arztschnösel. Schnell hat er erkannt, dass dieser wöchentlich 80-100 Stunden ackert und andere Einnahmequellen haben MUSS, um zu überleben. Wenn er das vorher gewusst hätte…

Dem Menschen verpflichtet sein und agieren müssen wie ein Unternehmen

„Du wolltest bestimmt Arzt werden, weil Du Menschen helfen wolltest?“ Harald überlegt und sagt: „Ja, das war eine Motivation.“ „Aber wie bekommst Du das hin? Immerhin musst Du auch Unternehmer sein und so denken. Menschlichkeit bleibt doch da auf der Strecke!“ Harald überlegt. „Es ist ein ziemlicher Spagat. Ich versuche, es nicht nach draußen zu tragen und es keinen Patienten – egal wie er versichert ist –  spüren zu lassen. Ein Notfall bleibt stets ein Notfall und wird rascher ins Sprechzimmer geholt. Egal, welche Versichertenkarte er in der Tasche trägt. Und während eines Tages kommt ein Privatpatient bei mir nicht einfach mal „zwischendurch“ rein. Der muss auch warten. Im gleichen Wartezimmer wie alle anderen. Aber ja, Privatpatienten erhalten bei mir bevorzugt einen Termin. Diese Bevorzugung versuche ich auszugleichen. Ich habe 2x pro Woche morgens vor der regulären Praxiszeit eine sogen. Notfallsprechstunde. Wer zwischen 06:30 Uhr und 07:30 Uhr da ist, wird ohne Termin sofort behandelt. Das schaffe ich nur dank meiner tollen Mitarbeiterinnen, die mit mir an einem Strang ziehen. Wir alle zeigen einen hohen Einsatz.

Arne beschließt, morgen früh noch vor der Arbeit in die Orthopädische Praxis zu gehen. Nicht wegen seines Termins. Sondern um sich bei Sr. Katja zu entschuldigen.

Statement am Schluss:

Das ist kein Plädoyer für arme, niedergelassene Ärzte. Vielleicht jedoch ein Denkanstoß, sich in die Situation eines Arztes hinein zu versetzen. Ja, ich bin auch privat krankenversichert. Das habe ich mir nicht ausgesucht sondern war die damals einzige sich mir bietende Lösung in meiner Selbständigkeit. Doch bestehe ich nie auf eine bevorzugte Behandlung. Eine Arztpraxis, die sogar getrennte Wartezimmer hat – eins für gesetzlich versicherte und ein schönes, helles, mit Espressomaschine ausgestattetes, schick möbliertes für privat Versicherte – habe ich wieder verlassen ohne den Termin wahrzunehmen und mir eine andere gesucht. Dieser Arzt hatte aus meiner Sicht die Notwendigkeit, privat Versicherte anzuziehen, drastisch übertrieben und lebt die Zweiklassengesellschaft geradezu vor. Wenn er schon beim Wartezimmer beginnt, dann fragte ich mich, wobei tut er es sonst noch? Unser Gesundheitssystem hat sich in den vergangenen Jahren drastisch verändert. Ob es wieder eine Umkehr gibt hin zu leistungsgerechtem Honorar, Investition in Vorsorge  und Prävention statt am Kranksein herum zu doktern, ist momentan nicht abzusehen. Wünschenswert ist es jedoch, den Teufelskreis zu durchbrechen und einzusehen, dass pro-Kopf-Pauschalen oder Einheitsbudgets geradezu dazu zwingen, sich privat Versicherten besonders zuzuwenden. Und sei es nur durch einen bevorzugten Termin.

Eines jedoch ist klar: Leben und Gesundheit ist das Wertvollste, was wir haben. Und es gibt viele Ärzte in Deutschland, die täglich ihr Bestes geben. Egal, wie Sie versichert sind.

Bleiben Sie gesund!

Ihre Petra Carlile