Egal in welchem Alter – einen Neustart schafft jeder!

Mut zum Neustart

Es war im März 2003, als ich mit Anfang 30 einen sicheren Job im Kundenservice eines Medizinprodukteherstellers an den Nagel hing und noch einmal ganz von vorn begann. Damals gehörte ich zu einem tollen Vertriebsteam. Wir waren zu fünft: vier Außendienstkollegen mit mir im Innendienst. Unser Team war eins der umsatzstärksten. Doch irgendwann reichte mir das nicht mehr aus. Ich brauchte Veränderung, die sich beruflich im damaligen Unternehmen nicht umsetzen ließ. Weil sich etwas ändern musste, entschied ich mich für einen Ortswechsel. Ich zog 800 km weit Richtung Süden und landete in München. Mir hatte Bayern bei meinen vorherigen Besuchen sehr gefallen. Besonders die Berge haben es mir angetan. Dass ich damals den Mut zu diesem Schritt hatte, erstaunt mich auch heute noch. Es gab gute Freunde um mich, die an mich geglaubt haben. Vielleicht hat mich das bestärkt.

Den Arbeitsvertrag in der Tasche und doch keine Arbeit

Ich habe mich lange vor meinem Umzug von der kleinen Stadt in der Nähe von Hamburg aus beworben. Viele Bewerbungen blieben erfolglos. Die einzige Chance erhielt ich, indem ich einen Vertrag mit einer Zeitarbeitsfirma schloss. Sie stellten mir in Aussicht, dass ihre Auftragslage eine sehr gute sei und ich auf jeden Fall, sobald ich da bin, für einen Kunden tätig sein werde. Außerdem verfügen Sie über eine Wohnung, in der ihre Mitarbeiter in einer WG zusammen wohnen können. Somit war auch die Frage nach meiner Bleibe schon geklärt und der Entschluss gefasst.

Ich habe meine damalige Wohnung ausgeräumt und die meisten Möbel verschenkt. Meinen blauen Ford belud ich mit den wichtigsten Dingen – meinem PC und meinen persönlichen Sachen. Der Abschied fiel mir sehr schwer. Ich hatte dort oben wirklich zwei tolle Freundinnen, die ich nun zurück lassen musste. Auch mit vielen Kolleginnen verband mich damals mehr als nur die Arbeit. Aber – ich gebe zu – in meinem Bauch kribbelte auch die Abenteuerlust. Und so genoss ich die lange Fahrt die A7 runter. Ich kam mir vor wie der King auf dem Asphalt. Mir kamen diese Trucker Songs in den Sinn, die von Abenteuer und Freiheit schmachteten. Genauso fühlte ich mich. Eine Abenteurerin, die in ihrem blauen Ford Escort in ein unbekanntes Land reist. Und als ich nach 7 Stunden bereits am Horizont das Bergpanorama erblickte, hatte ich das Gefühl, dass ich hier richtig bin. Ich hatte Kräfte in mir, um ganze Bergketten zu versetzen.

Die große Ernüchterung – und jetzt?

Meine WG befand sich in der Nähe des Frankfurter Rings in München. Ich hatte damals keine Ahnung, was mich erwartete. Die Wohnung befand sich in einem Haus mit langen Fluren und vielen weiteren Wohnungen. Zunächst wunderte ich mich, warum die Wohnungstür verstärkt war und zum normalen Schloss auch einen Riegel besaß. In den ersten Nächten wurde es mir klar. Auf den Fluren ging es ziemlich zur Sache. Raufereien und Gepöbel – welch herrliche Nachbarschaft! Doch meine Mitbewohnerin in der WG, eine Bambergerin, war super. Wir mochten uns von Anfang an und unser WG-Leben war das einzig Positive inmitten der aufgewühlten Umgebung.

Einen Tag nach meiner Ankunft fuhr ich zur Zeitarbeitsfirma in die Innenstadt. Ich hatte noch einige Tage Urlaub bis zu meinem ersten Arbeitstag in meinem neuen Leben und wollte mich schon mal einstimmen und auf den ersten Arbeitstag vorbereiten. Doch „… leider haben wir gerade keinen Auftrag für Sie. Das kann sich aber jeden Tag ändern!“ Mit dieser Information fuhr ich wieder zurück zum Frankfurter Ring. Jeden Tag rief ich bei der Zeitarbeitsfirma an und erkundigte mich, wann meine Arbeit beginnt und wo ich mich einfinden kann. Doch immer wieder erhielt ich die gleiche Antwort. Mein Arbeitsvertrag mit dem Zeitarbeitsunternehmen lief bereits eine Woche, als es mir reichte. Ich habe nicht alle Zelte abgebrochen und bin diesen weiten Weg gefahren, um hier in einer tristen WG am Frankfurter Ring zu enden! Wer einmal über eine Zeitarbeitsfirma gearbeitet hat, weiß, wie die Bezahlung aussieht. Ist man in einem Unternehmen und arbeitet, kommt man mit dem Verdienst gerade so zurecht. Hat man aber keinen Einsatz und lebt nur vom Grundverdienst, dann wird es eng. Immerhin ging auch die WG-Miete von diesem Verdienst weg.

Weiter machen statt sich unterkriegen lassen

Ich erkundigte mich nach den gängigen Tageszeitungen der Umgebung und wühlte mich durch die Süddeutsche Zeitung. Es gab mehrere Stellenanzeigen, die mir zusagten – so schickte ich einige Bewerbungen quer durch München. Ein Segen, dass ich meinen PC hatte! Jeder Anruf bei der Zeitarbeitsfirma mit der Antwort „… leider noch immer nichts…“ spornte mich noch mehr an, mir auf eigene Faust eine geeignete Stelle zu suchen. Und plötzlich – klingelte mein Handy. Ein junger Gewerbeimmobilienmakler brauchte für sich und seine Kollegen dringend eine rechte Hand im Innendienst. Mein erster Job in München. Aus dem heraus ich mich weiter entwickelte. Der die Grundlage für jeden Schritt nach vorne war. Denn mit dem neuen Job folgte alles Weitere ganz automatisch. Ich bekam den Hinweis, dass jemand für eine nette kleine 1-Zimmer-Wohnung in einem sehr schönen, ruhigen Stadtteil Münchens einen Nachmieter suchte. Ich machte meine erste Bergtour mit dem Alpenverein zur Stüdlhütte unterhalb des Großglockners. Und begann schon nach kurzer Zeit in der neuen Heimat, sesshaft zu werden.

Sich die eigenen Erfolge wach rufen und wieder durchstarten

Die Erinnerungen daran, wie ich aus einer unsicheren Jobsituation heraus für mich selbst sorgte und die Initiative ergriff, bestärkt mich auch heute in manch scheinbar auswegloser Situation. Das Bild, wie ich in meinem blauen Ford Escort der Zukunft entgegen fahre, ist mein Anker. Gut, wenn es Menschen gibt, die uns daran erinnern, was wir alles schaffen, wenn wir es selbst einmal vergessen haben sollten.

Ich bin mir sicher, jeder von uns hat schon mal vor einem Neubeginn gestanden. Manchmal freiwillig, manchmal gezwungenermaßen. Lassen wir im Nachhinein Revue passieren, wie wir dazu große Hürden überwunden und Hindernisse aus dem Weg geräumt haben, sind wir erfüllt mit Stolz. Und plötzlich haben wir wieder Energie für scheinbar unüberwindbare Schwierigkeiten. In uns wächst Mut für alles Unbekannte, was auf uns wartet.

Und das wünsche ich uns allen für die Zukunft – egal was wir vorhaben: Mut, etwas anzupacken, das Vertrauen in uns und unsere Stärke und die Gewissheit, dass es gut wird.

Ihre Petra Carlile