Bewerbungsgespräch – dieses Mal anders!

Bewerbungsgespräch

Illustration: Claudia Löffelmann

Lisa hat gleich ein Bewerbungsgespräch. Gerade hat sie das Unternehmensgebäude betreten, in dem Sie mit den beiden Geschäftsführern ein Interview haben wird.

Lisas Berufung: echte, ehrliche Kundenorientierung

Jetzt, Anfang 40, weist die BWLerin schon einiges an Berufserfahrung auf. Sie weiß, wie wichtig die Verzahnung von Marketing, Produktion, Verkauf & Service sind. Ebenso ist ihr klar, dass nur mit einem agilen Management, wertschätzendem Teamgeist und kurzen Dienstwegen Herausforderungen gemeistert werden. Persönliche Eitelkeiten, konservative Einstellungen und autoritäre Auswüchse behindern jeden Unternehmenserfolg. Alle Kunden, die bisher auf Lisas Berufsstationen von ihr betreut wurden, sind begeistert von ihr:
„Frau Lisa nimmt uns ernst. Sie hört uns sehr genau zu, versetzt sich in unsere Lage und versteht unsere Bedürfnisse. Wir werden von ihr genauso ernst genommen wie die Großkunden, obwohl wir als kleiner Mittelständler nicht so viele Stückmengen abnehmen können.“
Ihre Teamkollegen, Lageristen, Reinigungskräfte, die Verkäuferin in der Cafeteria, Praktikanten, Werkstudenten, …, alle hatten Lisa in ihr Herz geschlossen. Weil sie jeglichen Einsatz Wert schätzt, jeder Person wirklich auf Augenhöhe begegnet und weiß, dass jede Tätigkeit, die engagiert ausgeführt wird, zum großen Ganzen beiträgt. Sie weiß einen sauberen Arbeitsplatz und eine gepflegte Atmosphäre genauso zu schätzen wie die akkurate Umsatzübersicht des Controllers.

Enttäuschungen nach dem Aufstieg

Bereits ihre ersten beruflichen Stationen meisterte Lisa sehr gekonnt, erarbeitete sich Fachwissen und KnowHow und nutzte jede Möglichkeit, ihren Erfahrungsschatz zu vergrößern. Sie begann als Vertriebsassistentin und stieg bis zur Key Account Managerin auf. Dabei hinterfragt sie Prozesse, bis sie diese versteht, erkennt sofort mögliche Schwachstellen und wenn sie weiß, wie diese zu beheben sind, tut sie oder kümmert sich darum, dass es getan wird. Bis sie eines Tages erkennen musste, dass alles, was wichtig ist für die Zufriedenheit ihrer Kunden, für die Weiterentwicklung eines Unternehmens, für Spaß und Freude an der Arbeit, nicht mehr zählte. Ausschließlich QUARTALSZAHLEN waren ausschlaggebend in dem Unternehmen, in dem sie 12 Jahre lang gern gearbeitet und sich eingebracht hat. Die Menschen, die zu Erfolg und guten Zahlen beitrugen, wurden weniger als zweitrangig.

Die Suche begann, die Enttäuschungen häuften sich

So begann Lisas Odyssee nach einem geeigneteren Unternehmen. Zunächst wurde sie schnell fündig. Eine Frau mit ihren Qualifikationen ist sehr gefragt. Doch schon bald musste Lisa in ihrem neuen Job feststellen, dass auch in diesem Unternehmen mehr ‚Schein als Sein‘ gelebt wird. Teamgedanke? An einem Strang ziehen? Fehlanzeige! Sich in Prozesse einarbeiten, diese verstehen und Möglichkeiten entwickeln, um diese zu vereinfachen oder die Reibungsverluste an den berühmten Schnittstellen verhindern? Geht ja gar nicht! „Wir haben das in den letzten 20 Jahren so gemacht und das hat sich bewährt. Basta!“

Warum wollte dieses Unternehmen Lisa unbedingt einstellen? Immerhin suchten sie ja genau jemanden, der/die etwas voran bringt, die Kunden zufrieden stellt, optimal arbeitet. Zumindest wurde ihr dies bei ihrer Einstellung so gesagt. Doch gesagt ist nicht getan. Das Ergebnis dieser Enttäuschung: Lisa kündigte nach kurzer Zeit und machte sich auf die Suche nach dem nun wirklich geeigneten Unternehmen. Es sollten noch weitere Flops folgen. Große Versprechungen zu Beginn, die Freude auf was-bewegen-können und Kunden-zufrieden-machen verpuffte stets in den ersten Monaten. Stattdessen: Chefs, die Mitarbeiter mit Verbesserungsvorschlägen und Weiterentwicklungswillen als Querulanten bezeichneten und diese aus dem Unternehmen mobbten.
Als sich auch das letzte Unternehmen als eines entpuppt, zu dem sie morgens nicht voller Elan und Freude fährt sondern bereits Angstzustände erlebt, weil sie sich derart verbiegen müsste, um dort zu bestehen, geht Lisa in Klausur. Wieso greift sie in den letzten 7 Jahren stets nur daneben bei ihrer Unternehmenswahl? Ganz genau ließ sie die Bewerbungsgespräche ihrer letzten Jobs Revue passieren. Und allmählich ging ihr ein Licht auf.  Es geht nicht nur darum ‚Hauptsache, ich habe den Job, der Rest wird sich schon finden‘. Sie wird heute, bei diesem Bewerbungsgespräch anders agieren. Denn:

Eine Bewerbung geht immer in BEIDE RICHTUNGEN

Das Unternehmen bewirbt sich auch bei ihr. Lisa hat ihre Hausaufgaben gemacht. Dieses Unternehmen hat prima Bewertungen auf kununu.com. Was schon mal ganz gut ist, allein aber noch nichts heißen will. Sie hat für sich alle Dinge aufgelistet, die sie für sich und ihre Arbeit wichtig findet. Und wird genau herausfinden, ob ihre Ansichten mit denen des Unternehmens übereinstimmen.
Das Gespräch verläuft in angenehmer Atmosphäre. Niemand bemerkt, wie dabei die Zeit vergeht und drei Stunden ins Land gehen. Lisas Haltung ist eine ganz andere als in den Jahren zuvor. Sie weiß, was sie kann. Sie hat die Referenzen all ihrer vielen Kunden im Kopf. Es ist kein um-den-heißen-Brei-Geschleiche. Niemand bekommt leere Phrasen um die Ohren. Konkrete Fragen der einen Seite werden ehrlich und gerade heraus von der anderen Seite beantwortet. Ein echtes Kennenlernen eben.

Wie bei der Partnersuche: passen wir zusammen oder passen wir nicht zusammen?

Lisa erläutert, wie sie Aufgaben angeht, Kundenprobleme erkennt und welche Lösungswege sie sucht. Ebenso, wie sie die abteilungsübergreifende Zusammenarbeit sieht. Und fragt, ob dieser Weg im Interesse des Unternehmens liegt oder womöglich nicht. Nach erster Verwunderung der Gesprächspartner über diese doch recht ungewohnte Frage erläutert Lisa Erfahrungen, die sie mit dieser Vorgehensweise gemacht hat. Und gesteht frei heraus: „So werde ich künftig nicht mehr arbeiten.“ Auch im weiteren Verlauf des Gesprächs kann sie zu einzelnen Punkten sehr konkret ihre Ansichten darlegen. Das erste Mal in einem Vorstellungsgespräch, in dem auch sie sehr konkret wird in ihren Fragen und Antworten. Es geht nicht darum, das zu sagen, was der Jobinterviewer womöglich hören möchte und auswendig gelernte Phrasen von sich zu geben. Es geht darum, sich wirklich gegenseitig kennenzulernen. Immerhin möchte man die nächsten Jahre miteinander verbringen. Da muss es einfach passen. Sowohl für die eine als auch für die andere Seite.

Übrigens hat sie für diesen letzten Wechsel 10 Bewerbungen auf ausgeschriebene Stellen geschrieben, 6 Unternehmen haben nicht geantwortet, zu 4 Gesprächen war sie eingeladen und 2 Unternehmen wollten sie haben. Für wen sich Lisa entschieden hat? Für das Unternehmen, das sie am meisten überzeugen konnte.

Diese Fragen stellen Bewerber nicht? Oh doch!

Trauen auch Sie sich, im nächsten Jobinterview sehr genau heraus zu finden, ob ein Unternehmen zu Ihnen passt! Sonst verschwenden Sie wertvolle Zeit. Ihre Lebenszeit und die Zeit des Unternehmens ebenso. Lisa interessierten z.B. die Antworten zu folgenden Fragen:

  • Was konkret tun Sie, um Ihre Kunden zufrieden zu stellen?
  • Was war das Außergewöhnlichste und Unbürokratischste, was Sie für einen Kunden bereits getan haben?
  • Bitte beschreiben Sie ganz konkret Ihr Betriebsklima.
  • Wie stehen Sie zu Verbesserungsvorschlägen?
  • Was, wenn ich Kontakt zu anderen Abteilungen Ihres Unternehmens aufbaue, um Dinge zu klären, die letztlich mit meiner Arbeit zu tun haben?
  • Wie gut kennen Sie Ihre Teammitglieder?
  • Wie oft sagen Sie DANKE, wenn sich Ihre Leute für Sie ins Zeug legen?
  • Wie beschreiben Sie Ihren Teamzusammenhalt?
  • Was sind Ihre konkreten Ziele für das kommende Jahr?
  • Welche konkreten Entwicklungsmöglichkeiten habe ich in Ihrem Unternehmen?
  • Wie konkret läuft die Einarbeitung ab?

Immer daran denken: eine Bewerbung geht in BEIDE RICHTUNGEN!

Ihre Petra Carlile
https://www.carlile-coaching.de/karriere-coaching/