Bescheidenheit vs. Selbstbewussstsein

Bescheidenheit vs. Selbstbewusstsein

„.. was ich besonders gut kann, auf einer Skala von 1-10?“ Jule ist irritiert. In ihrem Coaching zur Berufsorientierung macht ihr diese Frage Schwierigkeiten. Mühsam zählt sie auf: „naja, ich singe ganz gut, …. Spiele einigermaßen Klavier,… mit Kindern kann ich auch gut umgehen. Und ich kann recht gut organisieren, glaube ich.“

„Welche Ihrer Skills bekommt volle Punktzahl?“, fragt der Coach. Jetzt ist es völlig aus. Jule wirkt verzweifelt. „Aber ich kann doch nicht einfach Favoriten von mir mit voller Punktzahl bewerten!“ Entrüstet schaut sie ihren Coach an. Dieser erwidert nur: „Wieso nicht?“

Sei wie das Veilchen im Moose…

Wer kennt diesen Poesie-Albumspruch nicht? Der Autor ist nicht mehr bekannt. Doch geht dieser Spruch, den sich Millionen von Mädchen hinter die Ohren schrieben und ins Poesiealbum verewigen ließen, in etwa so: ‚Sei wie das Veilchen im Moose: bescheiden, sittsam und rein. Und nicht wie die stolze Rose, die immer bewundert will sein.‘

Der Coach provoziert Jule und fragt, ob sie auch ein Poesiealbum hatte, in dem sich genau dieser Spruch befand. Oder ein besticktes Kissen oder etwas in dieser Art.

Überheblichkeit / Arroganz vs. zu sich selbst JA sagen

Die wenigsten von uns mögen narzisstische, überhebliche und arrogante Leute, die nur sich selbst gut finden und alles, was andere tun, abfällig mit Füßen treten. Viele wurden in Bescheidenheit erzogen, weil es sich einfach nicht gehört, sich in den Vordergrund zu stellen. Vielleicht auch aus Sorge, der eigene Sprössling könnte sich zu überheblicher Arroganz entwickeln. Doch das geschah viel zu oft zu Lasten des Selbstbewusstseins.

Talente bestärken

Wie wichtig ist es doch, Kinder in ihrem Talent zu bestärken? Die Chancen sind größer, dass sie später einmal genau solchen Beruf ergreifen, in dem sie das eigene Talent umsetzen können und – ja! GLÜCKLICH sind bei dem, was sie tun. Es braucht Menschen, die zeigen, dass sie an die jungen Talente glauben, sie unterstützen und bestärken.

Sich selbst ins Rampenlicht stellen

Jule hat bisher nur im Kirchenchor gesungen. Und übernimmt die Soloeinsätze. Ihre Stimme bezaubert, bannt und rührt zu Tränen. „Sie haben eine wundervolle Stimme“, sagen viele zu ihr. Doch Jule hält derartige Komplimente für reine Nettigkeit. Auch die Verwandtschaft ist begeistert. Sorgt sie doch seit ihrer Kindheit für die kulturelle Unterhaltung auf Familienfesten. Beschwingte Lieder, die Jule selbst komponiert, erfreuen alle.

Es ist nur ein Hobby

„Ja, sie singt ganz passabel, ist im Kirchenchor. Ein schönes Hobby, das Singen.…“, sagte auf einer solcher Feiern einst ihr Onkel zu einem anderen Gast. So hat es Jule bisher auch betrachtet. Als Hobby. Wenn sie diesem nachgeht, ist sie ganz sie selbst. Wenn sie singt oder Klavier spielt und neue Kompositionen ausprobiert, ist sie glücklich.

Unter der Woche arbeitet Jule in einem Autohaus am Servicetresen. Ihr ist Ordnung und Struktur beigebracht worden. Eine gute Voraussetzung für solch einen Job. Deshalb hat sie die Ausbildung zur Kauffrau für Büromanagement absolviert. Doch voller FREUDE geht sie nicht in die Arbeit, gesteht sie ihrem Coach.  Es ist lediglich die Notwendigkeit, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Ist es tatsächlich möglich, die Musik zum Beruf zu machen und ihrer Berufung zu folgen? Noch dazu jetzt während einer Pandemie, wo Auftritte vor Publikum immer wieder abgesagt werden müssen? Es bleiben Zweifel.

Trau Dich, zu Deinem Talent zu stehen!

Der Coach ermuntert Jule, sich mehr ihrer Musik zu widmen. Sie beginnt, einige ihrer selbst komponierten Lieder aufzunehmen und der Öffentlichkeit zu präsentieren. Es kostet Jule zunächst Überwindung, ihre Musik auf ihren Social Media Plattformen zu veröffentlichen. „Boa, Jule, wir wussten gar nicht, dass Du so toll singen kannst!“, sagen Freunde und Bekannte voller Bewunderung, die davon erfahren. Jule hat aufgehört, auf solche Aussagen zu erwidern „…och, das ist doch nichts….“ Lange Zeit noch fällt es ihr trotzdem schwer, das Lob zu genießen. Einmal trat sie im Innenhof des Rathauses während eines Kulturprogramms auf. Sie hatte mehr als 80 Zuhörer und erhielt für ihre Darbietung tosenden Beifall. Vor dem sie am liebsten weg gelaufen wäre.

Ihr Coach hat mit ihr zusammen viel gearbeitet. Und viele Glaubenssätze aufgelöst. Ja, es gibt viele andere, die auch singen können. Doch singt jeder in seinem eigenen Stil. Genau wie Jule. Und für ihren Stil gibt es ebenso ein Publikum, das ihre Kunst genießt und sich freut, sobald sie singt. Was gibt es schöneres, als anderen Freude zu bereiten?

Und ob Singen und Musik komponieren wirklich eine brotlose Kunst ist, ist nicht bewiesen. Jule wurde für das Sommerfestival der Schlossgärten engagiert und erfreute an den Wochenenden die Besucher mit Ihrer Musik. Voller Schwung und Leichtigkeit. Auch dafür wurde sie bezahlt. Nicht schlecht, wie sie findet. Brotlos ist ihre Kunst also nicht.

Von übertriebener Bescheidenheit zu aufrichtigem Selbstbewusstsein

Ein Jahr nach ihrem ersten Coaching hat Jule ihren Job im Autohaus auf Teilzeit reduziert. Sie nimmt Gesangstunden, um ihre Stimme zu trainieren. Sie nimmt ihre eigene Musik auf und veröffentlicht diese oder komponiert Hintergrundmusik für Kinderhörbücher. So baut sie sich langsam ihr zweites Standbein auf.

Inzwischen schafft es Jule, einige Momente des Applauses auszuhalten, sich voller Freude zu verbeugen und ihm zuzuhören. Bei aller Bescheidenheit, doch „ICH KANN SINGEN!“, sagt sie nun voller Stolz über sich. Und gibt sich dafür – bei einer Skala von 1 bis 10 – volle 10 Punkte.

Stehen Sie zu Ihren Talenten und seien Sie stolz darauf!

Ihre Petra Carlile