Berufswahl – eine Qual?

Praktikum mit Spaß

Schülerpraktikum – Da geht es nicht um Spaß! Arbeiten ist eine ernste Sache!

Linus kommt mit hängenden Schultern aus der Schule. Er ist jetzt in der achten Klasse. Bald absolvieren er und seine Klassenkameraden ihr erstes Schülerpraktikum. Der Klassenlehrer hat sie aufgefordert, sich darüber Gedanken zu machen und einen geeignenten Praktikumsplatz zu suchen. Linus musste nicht überlegen. Fotografieren – das ist es, was ihm riesigen Spaß macht und worüber er mehr erfahren möchte. Begeistert ruft er das seinem Lehrer zu.

„Was? Fotografieren? Das ist nichts Solides! Such Dir was Ernsthaftes. Wie wäre es denn z.B. im Supermarkt um die Ecke? Supermärkte wird es immer geben. Und Leute, die darin arbeiten.“, sagt Herr Schäfer. Er findet seinen Vorschlag für Linus, ein Einzelhandelspraktikum zu machen, richtig gut. Aber Linus findet das nicht. Lustlos erzählt er seinem Bruder Niklas am Abend davon. Niklas studiert schon und ist gerade von der Uni zurück.

„Wie wichtig ist Dir das Fotografieren?“ fragt Niklas. „Wichtiger als alles andere. Schaue ich durch die Linse, entdecke ich eine andere Welt. Seit ich von Opa die alte Spiegelreflex habe, bin ich nur noch damit unterwegs.“, entgegnet Linus niedergedrückt und sieht sich schon Erbsendosen in Regale stapeln.

„Geh nicht den Weg eines anderen sondern Deinen!“

, findet Niklas. „Los, komm, wir überlegen mal zusammen.“ Und es folgt eine Frage-Antwort-Stunde, in der Linus voller Eifer auflistet, worauf es ihm ankommt.

Schon die Motiv-Suche ist spannend. Findet er. Ihn begeistert es ebenso, wie ein Raum sich verändert, wenn seine Bilder darin in Szene gesetzt werden. Zu allem hat er viele Fragen. Zum Beispiel, wie ein Profi genau das Motiv findet, das er sucht. Auch, wie man Bilder bearbeitet und was man im Anschluss alles damit machen kann. Ja, und klar, auch, wie andere damit so viel Geld verdienen, dass es zum Leben reicht.

„O.k. Linus. Da haben wir eine ganze Menge Suchkriterien. Wo finden wir jemanden, bei dem Du Antworten findest und auch mal selbst ausprobieren darfst?“ Eine Auflistung über Praktikumsmöglichkeiten folgt:

  • „Mayers Fotostudio in der Innenstadt – da haben wir unser Familienfoto machen lassen.“
  • „Papa ist befreundet mit einem Fotoreporter von der Süddeutschen. Den kann ich mal fragen, ob ich ihn begleiten darf. Oder Papa fragt ihn?“
  • „Ha, und dann ist da noch die außergewöhnliche Lucie. Sie besitzt die Galerie der Augenblicke und präsentiert mindestens alle 8 Wochen eine neue Fotoausstellung. Wir sind fast jedes Mal zu Gast bei ihr.“
  • „Oder wir fragen die Jutta. Sie ist Winzerin in der Pfalz und hat erst kürzlich einen neuen Flyer entwerfen lassen. Mit super tollen Bildern aus Ihrer Weinkellerei. Irgendjemand muss die doch gemacht haben…“

Am nächsten Tag telefonieren Linus und Niklas die Kontaktliste durch. Und Linus freut sich auf sein erstes Schülerpraktikum. Und zwar bei der außergewöhnlichen Lucie. Linus wird sie bei den Vorbereitungen einer neuen Fotoausstellung unterstützen. Und hat ganz nebenbei engen Kontakt mit dem Fotokünstler und kann ihn löchern.

Hat Ihr Kind – ähnlich wie Linus – das Glück, einem faszinierenden Hobby nachzugehen oder sich jetzt schon für etwas zu interessieren, was sich auch beruflich umsetzen lässt, begleiten Sie es auf dieser Entdeckungsreise. Helfen Sie heraus zu finden, was alles beruflich möglich ist für dieses Interesse. Zeigen Sie auch auf, dass es Schattenseiten gibt. OBJEKTIV. WERTFREI. Finden Sie gemeinsam Wege, wie es später möglich ist, mit dem, was Spaß macht, den Lebensunterhalt zu verdienen. Zeigen Sie auch, welche Schwierigkeiten es geben könnte, was man dafür in Kauf nehmen muss. Schieben Sie aber nie von Vornherein einen Riegel vor die Träume Ihres Kindes! Es bekäme einerseits das Gefühl, die eigenen Wünsche seien nichts wert. Zum anderen gewinnt es den Eindruck, dass Arbeit eine so ernste Sache ist, dass Spaß darin nichts verloren hat. Und Sie selbst wissen es bereits: die meiste Zeit unseres Lebens verbringen wir mit Arbeit – umso wichtiger, dass sie Spaß macht!

Ihre Petra Carlile